Was macht einen guten Text aus?

Was macht einen guten Text aus?

(Lesezeit: 6 Minuten)

Egal ob wir auf dem Bildschirm lesen, in einen Zeitungsartikel vertieft sind oder in der Lieblingszeitschrift blättern – wirkungsvolle Texte fesseln uns ans Display oder Papier, weil sie Herz und Verstand gleichermaßen treffen. Sprachgefühl und Wortreichtum sind hilfreich, Verständlichkeit entscheidend, ob ein Text gelesen wird oder nicht. Ein verständlich geschriebener Text folgt dabei klaren Regeln, von denen ich Ihnen einige in diesem Artikel erläutern möchte.

Sie haben 20 Sekunden!

Das Schicksal eines Textes hängt in der Regel von den ersten drei Sätzen ab. Laut dem Statistic Brain Research Institute[1] soll die Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen mittlerweile sogar unter der eines Goldfischs liegen, nämlich exakt bei acht Sekunden. Manche Autoren[2] behaupten, nach 20 Sekunden – oder rund 100 Wörtern – hat sich der Leser meist endgültig für oder gegen die Lektüre entschieden. Klar ist: Viel Zeit bleibt Ihnen nicht, um Ihre Leser zu gewinnen. Überzeugt der Texteinstieg, erhöht sich Ihre Chance, dass nicht sofort weitergescrollt oder umgeblättert wird. Das bedeutet: Alle Macht dem Einstieg! Überraschen Sie, provozieren Sie, überrumpeln Sie Ihre Leser – Hauptsache die ersten Sätze treffen. Wollen Sie nach diesen Zeilen etwa umblättern?

Manchmal, wenn er nachts nicht schlafen kann, liegt Henning Taube wach im Ehebett, neben ihm seine schlafende Frau, er hört, wie sie atmet, ruhig und gleichmäßig, und denkt: ‚Wer sagt eigentlich, dass ich nicht Gott bin?„Wie es ist, Gott zu sein“ in Die ZEIT Ausgabe 50/2016)

Reißfest und rot – Ihr Faden im Text

Achten Sie beim Schreiben auf die Dramaturgie Ihres Textes. Nein, Ihr Text soll nicht zum Drama werden, sondern einem logischen inneren Aufbau und dem berühmten roten Faden folgen. Viele Texte sind chronologisch aufgebaut á la „und dann… und dann… und dann klang der Tag bei einem gemütlichen Abendessen in lockerer Atmosphäre aus“. Das wollen Sie nicht und Ihre Leser auch nicht. Vermeiden Sie Gedankensprünge und arbeiten Sie Zusammenhänge heraus. Bringen Sie die verschiedenen Aspekte Ihres Themas miteinander in Verbindung. Kausaladverbien wie „deshalb“ oder „also“ helfen dem Leser, Gründe und Folgen einzelner Gedanken nachzuvollziehen. Gliedern Sie Ihren Text auch optisch und beginnen Sie einen neuen Sinnabschnitt mit einem neuen Absatz. Hervorhebungen und Zwischenüberschriften geben zusätzlich Struktur.

Bitte frei machen: Lösen Sie sich von Adjektiven!

Adjektive oder Eigenschaftswörter sind die Weichspüler unter den Wortarten. Unüberlegt eingesetzt verhunzen sie straffe Sätze zu Geschwafel. Wenn Sie Adjektive nutzen, dann sparsam – und nur dann, wenn sie die Aussage bereichern. Ob die Ampel rot oder grün ist, macht einen Unterschied. Diese unterscheidenden Adjektive sind genauso nützlich wie wertende oder einordnende Eigenschaftswörter. Ob ein Film sehenswert, langweilig oder anspruchsvoll ist, mag für den Leser interessant sein. Genauso will er wissen, ob sein Gespräch im fünften oder zehnten Stock stattfindet oder ob er die vier Meter hohe Tanne oder die kahle, gestauchte Tanne abholzen soll (weniger hilfreich wird ihm der Hinweis zu einer grünen Tanne sein, es sei denn, alle anderen Tannen sind andersfarbig).

Dagegen sollten Sie auf überflüssige Adjektive verzichten: Ein schönes Haus – das kann alles sein. Ein gepflegtes, bemoostes, abgebranntes Haus erreicht unsere Vorstellungskraft. Beim hölzernen Haus weichen Sie aber bitte auf das Holzhaus aus. Genauso überflüssig sind inhaltliche Doppelungen wie der weite Himmel (er war noch nie enger oder weiter), der strahlende Sonnenschein (das tut er nun mal in der Regel) oder der gelehrter Professor (zeigen Sie mir einen ungelehrten…). Vergessen Sie das universitäre Gebäude (=Uni), das breite Grinsen (ein Grinsen fällt per Definition nicht dezent aus) oder den tiefen Brunnen … Die Liste ließe sich weiterführen.

Machen! Stärken Sie Ihre Sätze mit Verben!

Texte wirken durch ihre Verben oder Tätigkeitswörter. Sie bestimmen, was im Satz passiert, und je ausdrucksstärker sie sind, desto mehr beeindruckt Ihr Text. Achten Sie darauf, Verben zu wählen, die so konkret wie möglich sind: Sie können durch den Park gehen. Sie können aber auch rennen, schlendern, springen, tänzeln, schleichen, huschen, flitzen, flanieren, staksen, stöckeln, trampeln oder marschieren. Anstatt etwas zu sagen, sollten sie es vielmehr erzählen, erläutern, mitteilen, preisgeben, vortragen, kundtun, befehlen, bemerken oder hinaustrompeten. Unser deutscher Wortschatz enthält eine Fülle an ausdrucksstarken Verben, die veranschaulichen und Bilder im Kopf des Lesers erzeugen. Verarbeiten Sie auch Verben in Ihren Texten, die unsere Sinne ansprechen: kribbeln, lauschen, dröhnen, stöhnen, stinken, aufwärmen, frösteln, zittern, glotzen, beäugen, bangen, … – bedienen Sie sich! Ihre Leser danken es Ihnen.

Achten Sie auch darauf, auf sogenannte Modalverben oder Hilfsverben zu verzichten, wo es nur geht. Zu diesen zählen: wollen, sollen, können, müssen, dürfen und mögen/möchten. Meistens sind diese Wörter überflüssig. Setzen Sie sie also nur ein, wenn Sie sie betonen wollen :-). Nachteil der Hilfsverben – wie auch der zusammengesetzten Verben: Sie verschieben das Hauptverb, also Ihre eigentliche Aussage, ans Satzende. Ihre besten Spieler setzen Sie ja auch nicht auf die Ersatzbank, oder?

Auf die Länge kommt es an!

Ob wir einen Satz verstehen, hängt wesentlich von seiner Länge ab. Wie viele Wörter soll ein Satz denn nun beinhalten?[3] Die Deutsche Presseagentur (dpa) erachtet neun Wörter pro Satz als optimal verständlich. Die Bildzeitung erhöht auf durchschnittlich 12 Wörter und ein Satz in Thomas Manns Dr. Faustus enthält im Mittel 31 Wörter. Stopfen Sie nicht alles, was Ihnen einfällt in einen Satz. Machen Sie einen Punkt, setzen Sie ein Ausrufezeichen oder bedienen Sie sich eines Doppelpunkts. Einfache Hauptsätze gewinnen an Wirkung, wenn sie zwischen zwei längeren Sätzen platziert sind. Nutzen Sie Nebensätze, wenn es um Nebensächlichkeiten geht – das Wichtige steht immer im Hauptsatz! Wechseln Sie zwischen langen und kurzen Sätzen ab und bringen Sie Schwung in den Lesefluss. Muss sich Ihr Leser anstrengen, um Sie zu verstehen, haben Sie meistens verloren.

Wie man’s nicht macht, zeigt dieses Beispiel:

[…] So hinderlich die restriktiven Möglichkeiten der Parlamentssauflösung im politischen Prozess zum einen oder anderen Zeitpunkt auch gewirkt haben mögen, so waren doch wohl gerade sie ein entscheidendes Gegengewicht gegen eine – aus historisch begründeter Krisenangst – zu weit getriebene Gouvernementalisierung der Verfassung, welche die Bundesregierung – und an ihrer Spitze den Bk. – zum stärksten Verfassungsorgan aufgewertet hätte.Bundeszentrale für politische Aufklärung, Schlagwort „Bundeskanzler“

 

Das sind 54 Wörter, davon drei Verben (wirken, sein und aufwerten) und 12 Substantive. So bitte nicht!

Fazit

Sie haben einige Tipps und Regeln für attraktive Texte kennengelernt:

  • Vom ersten Satz hängt alles ab.
  • Verwenden Sie Adjektive sparsam.
  • Reichern Sie Ihre Texte mit Verben an, die Bilder erzeugen.
  • Variieren Sie mit Satzlängen, Haupt- und Nebensätzen. Im Hauptsatz steht das Wichtige.

Folgende Tipps helfen Ihnen zusätzlich:

  • Vermeiden Sie Beamtendeutsch und Anglizismen, und vergessen Sie business cases, management boards, Gouvernementalisierung oder forstwirtschaftliche Nutzflächen mit Wildtierbestand…
  • Achten Sie auf korrekte Schreibweise, Grammatik und Syntax. Nihcts ist schlechter wie ein falscher Satzbau mit Tippfelhrn.
  • Absätze, Aufzählungen, Markierungen und Zwischenüberschriften strukturieren Ihren Text. Der Leser orientiert sich und folgt einer inhaltlichen Linie.
  • Bleiben Sie aktiv! Vermeiden Sie Passivkonstruktionen.
  • Lesen Sie! Je mehr Sie lesen, desto spitzfindiger wird Ihr Texterblick. Lernen Sie von anderen und beurteilen Sie, ob Ihnen ein Text gefällt – und wenn ja, warum.

All diese Empfehlungen sollen Sie dabei unterstützen, Ihre Texte möglichst ansprechend zu schreiben. Es ist aber Ihr eigener Stil, der Ihre Artikel, Posts, Liebesbriefe oder Memoiren mit Charakter füllt – und lesenswert macht. Und die Mühe lohnt sich: Ihre Leser interessieren sich für Sie und das, was Sie kommunizieren. Sie erhöhen die Chancen, dass Ihre Pressemitteilung gedruckt wird oder Ihre Facebook-Posts geteilt werden – spannende Inhalte will man schließlich nicht für sich behalten.

Eine Zusammenfassung dieses Blogartikels finden Sie auch als Video auf Youtube.

Viel Spaß beim Schreiben!

Wenn Sie sich mit dem Thema Schreibstil näher beschäftigen möchten, empfehle ich Ihnen folgende Literatur:

  • Reiner, Ludwig. 2011. Stilfibel. Der sichere Weg zum guten Deutsch. 3. Aufl. München: Dtv
  • Schneider, Wolf. 2001. Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil. 18. Aufl. München: Wilhelm Goldmann Verlag
  • Schneider, Wolf. 2017. Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt. 8. Aufl. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch

[1] https://www.statisticbrain.com/attention-span-statistics/ (aufgerufen am 28.11.2017)

[2] Schneider, Wolf. 2017. Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt. 8. Aufl. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, S.17

[3] Schneider, Wolf. Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil. 18. Aufl. München: Wilhelm Goldmann Verlag, S. 90.

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